MANN DER BLAUEN STUNDE

Es ist das Licht. Die Frankfurter Hochhäuser sind millionenfach fotografiert worden. Von Amateuren. Oft genug auch von Profis. Man glaubt, jedes Haus aus jeder Perspektive zu kennen. Bei jedem Wetter. Und dann kommt ein sehr junger Mann daher und zeigt die Türme ganz neu. Sie sind in ein anderes Licht getaucht als sonst, etwas Melancholisches und zugleich Malerisches liegt über ihnen, etwas Vergängliches, das im reizvollen Kontrast steht zur präpotenten Präsenz dieser Symbole wirtschaftlichen Selbstbewusstseins. Das macht das Abendlicht, in dem Mateo Hamann die Wolkenkratzer und ihre sonst so harten und kalten Fassaden aus Stein, Glas und Metall abbildet. Dieses warme, aber zugleich auch bedeckte Licht wird zum Leitmotiv, es ist Ausfluss einer klugen Stringenz in der Wahl des Aufnahmezeitpunkts kurz vor Sonnenuntergang, während der blauen Stunde. Ein Zeichen auch der Reife dieses jungen Mannes: dem frischen Licht des Morgens zieht er die Orange-Töne des Abends vor.

 

Sind es die Gene? Oder ist es die Prägung durch das Elternhaus? Oder beides? So oder so, dieses Meistertalent ist nicht vom Himmel gefallen: Mateo stammt aus einer Fotografenfamilie. Beide Eltern sind Fotografen. Auch der jüngere Bruder fotografiert. Schon früh hat der ältere Sohn eine Kamera in die Hand genommen, mit gerade einmal sieben Jahren, es lagen daheim immer genügend Apparate herum. Schon früh war das Talent erkennbar. Die Bücher der Eltern haben den Sohn damals allerdings nicht besonders interessiert. Schon früh war es ihm darum zu tun, die Welt selbst zu entdecken. Und das mit großer Hartnäckigkeit. Über die ganze Jugend hinweg ist er dem Hobby treu geblieben, mit Schwankungen in der Intensität, natürlich, aber ohne große Pause. Am Ende geht es immer auch darum, aus seinem Talent etwas zu machen.

 

Es ist die Seh-Stärke, ob nur ererbt oder erworben. Außer dem Gespür für Lichtstimmungen hat Mateo Hamann den absoluten Blick. Für Perspektiven, für Ausschnitte, für Strukturen, für Proportionen. Sein bevorzugtes Objektiv ist das Tele, das für Distanz und Respekt, aber auch für Annäherung steht. Das Weitwinkel, dessen Bildresultate eher aufdringlich und verzerrend wirken, nutzt er weniger. Er streift durch die Stadt, am liebsten allein, denn dann sieht man mehr. Er ist auf der Suche nach Blickwinkeln. Er schaut auf die Fassaden, sieht Strukturen, Muster, Brüche, Staffelungen, Spiegelungen. Manchmal wirkt das Ergebnis verrätselnd, selbst Kenner der Skyline müssen nachdenken, welches Haus da abgebildet ist. Und dann wieder bringt er mit einem kleinen Ausschnitt das ganze Haus auf den Punkt. Menschen kommen in seinen Aufnahmen nur sehr selten vor. Er sucht das Absolute, seit seinen Anfängen, in der Architektur wie in seinen Landschaftsaufnahmen.

 

Ist es die Technik? Nein. Mateo Hamann fotografiert mit einer Spiegelreflexkamera, im Kleinbildformat. Die Objektive, die er verwendet, gehören allenfalls in die mittlere Preisklasse. Debatten in Online-Foren über die Vorzüge von bestimmten Kameras und die Qualität von Objektiven interessieren ihn nicht. Von Anfang an hat Hamann digital fotografiert, das Analoge ist seine Sache nicht, und er sieht derzeit auch keinen Anlass, das zu ändern. Dennoch verzichtet er auf die Nachbearbeitung seiner Fotografien mit Bildprogrammen. Den Ausschnitt legt er sorgsam schon im Moment der Aufnahme fest, nicht erst am Computer. Er ist befähigt zur Konzentration auf das Wesentliche.

 

Es ist Frankfurt. Mateo Hamann hat viel Zeit in den Vereinigten Staaten von Amerika verbracht, New York kennt er gut, dort ist er geboren, in seinen ersten Lebensjahren ging der Blick aus dem Appartement der Familie auf das World Trade Center. Und doch hat er sich sofort in Frankfurt verguckt, als die Familie ihren Lebensmittelpunkt ins Rhein-Main-Gebiet verlegte. Auch in Frankfurt hatte er ein Zimmer mit Aussicht auf ein Hochhaus, den Messeturm, bis heute sein Lieblingsbau. Auch sonst haben ihm die Hochhäuser der Stadt, deren Architektur im Vergleich zu den klassischen und den postmodernen Ikonen in der neuen Welt eher zurückhaltend ist, zugesagt. Das geometrische Raffinement ihrer Fassaden erschließt sich oft erst auf den zweiten Blick. Und nicht zu vergessen: Die Frankfurter Türme sind fotogen, weil sie im Vergleich zu anderen Städten einen recht weiten Abstand voneinander halten. So lassen sie sich leicht aus unterschiedlichen Perspektiven in den Blick nehmen. Eine Ansammlung von Solisten, die sich nur aus bestimmten Blickwinkeln zur Skyline verdichtet.

 

Aus all dem ist Mateo Hamanns Frankfurt geworden. Ein junger Fotograf blickt mit Zuneigung und Neugier auf eine alte Stadt, die sich durch die Hochhäuser neu erfunden hat. Er seziert ihre gebauten Ikonen durch seinen analytischen Blick und taucht sie gleichzeitig in ein magisches Licht. Es ist ein Spiel von Blickwechseln: von Jugend und Reife, von Teil und Ganzem, von Dauer und Vergänglichkeit. Es ist das, was gute Fotografie ausmacht.

Matthias Alexander

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